veröffentlicht auf der Hompage des Kreativen Eisenbach e. V.
(Foto: ich)
… die Kränze stilleuchtender Funken / Die Nacht um die schattige Stirne flicht (Brentano)
Die Idyllenmär und die Schwarzwälderkirschlüge hatten mich nie beeindruckt. So war ich nicht enttäuscht, sondern atmete auf, als man mir erzählte, dass die Schwarzwälder Kirschtorte die Erfindung eines “pfiffigen” Gastronomen gewesen sei und mit lokaler Tradition wenig zu tun habe. Auch, dass die Idylle, wenn überhaupt nur inszeniert existierte, gefiel mir: z.B. am Titisee.
In Eisenbach wurde gearbeitet: In großen Fabrikhallen multinationaler eisenbacher Unternehmen laufen die Maschinen vierundzwanzig Stunden am Tag. Und das nicht, um Harmonie zu produzieren, sondern um Zahnräder. Wie überall sonst, muss auch hier das Täglichbrot erwirtschaftet werden. Wie überall gibt es auch hier Konflikte. Und vielleicht haben die Schwarzwälder deshalb seiner Zeit Kuckuksuhren mit schweren Pendeln gebaut, damit die Welt zu hören bekommt, dass kein Wald dicht genug ist, um den Klang des Stundenschlags zu dämpfen und dass der Stundenschlag in den schwarzen Wäldern auf dem höchsten Hügel und im tiefsten Tal genauso schön, genauso bitter, genauso ehrlich von der Unwiderrufbarkeit jedes erlebten Augenblicks kündet wie überall anders auch. Man kann nur im Gegensatz seiner Zeit stehen, nicht außerhalb.
Dass des Nachts alle Geräusche verstummen – allein der Wind saust noch – und der Himmel sich Stern für Stern zusammensetzt, ist nicht idyllisch, sondern schön.
An einem Sonntag im April (2010) wurde ich in der so genannten Wolfwinkelhalle in Eisenbach begrüßt. Vor zahlreichen Gästen las ich die Kurzgeschichte „Du Hund“ und den Essay „Ins Herz“ (siehe unter http://www.freitext.com/index.php?heft=15&text=es1) vor. Als es beim Publikumsgespräch ums Hochdeutsch und die Mundarten ging, fragte man mich, ob ich besorgt sei, den Dialekt vor Ort vielleicht nicht zu verstehen, da rief ein älterer Herr dazwischen: „Wer sagt denn, dass wir hier Dialekt sprechen und die Hochdeutsch? Es ist umgekehrt: Wir sprechen Hochdeutsch, alle anderen Dialekt.“
Auf den folgenden Lesungen in Eisenbach oder in Neustadt schaffte es das Publikum immer wieder, mich mit solchen Wortbeiträgen zu überraschen. Auch meine Überraschungsversuche blieben, so glaube ich, nicht ganz erfolglos. Beispielsweise als bei der Lesung in der Buchhandlung im Roten Haus in Neustadt ein junger Mann im Publikum scheinbar unerwartet anfing zu beatboxen: Ein ganzes Orchester spielte aus seinem Mund.
Ich lernte Menschen kennen, die mir Einblick in ihren Alltag gewährten und viele, die Einblick in meine Lebens- und Arbeitsweise wünschten. Einige Gesichter sah ich bei jeder Lesung wieder, sodass bald ein familiäres Gefühl aufkam.
Eine Erfahrung besonderer Herzlichkeit ergab sich aus der Begegnung mit Jugendlichen in der Lichtenbergschule in Eisenbach und im Jugendbüro in Neustadt.
An der Lichtenbergschule habe ich mit Texten aus dem Kultur- und Gesellschaftsmagazin freitext, das ich herausgebe, eine Unterrichtseinheit gestaltet – die Texte der Schüler werden im Oktober in freitext, Heft 16, veröffentlicht. Die Jugendlichen – mit ihrer Offenheit und Hingabe – machten mir, der ich gekommen war, sie zu ermutigen, Mut.
An einem heißen Tag in Neustadt haben wir versucht uns Augusto Boals Konzept des Theaters der Unterdrückten spielerisch zu nähern. Boal war ein brasilianischer Regisseur, der Theater als eine Methode sah, angelernte, internalisierte Unterdrückungen abzubauen. Am Ende waren wir alle – die Jugendlichen und auch ich – gleichermaßen erschöpft. Doch in der Müdigkeit noch machte sich ein Gefühl von Freiheit breit – Boal hatte nicht zuviel versprochen.
Diese Stimmungen bei Veranstaltungen und in Begegnungen nehme ich mit. Und auch die Stille des Waldes (wie ich erst lernte sie zu ertragen und dann sie zu genießen) nehme ich mit. Zurück in die Städte.