Am 24.02.2011 findet um 19.30 Uhr im Maxim Gorki Theater in Berlin die Buchpremiere des Manifest der Vielen statt. Es handelt sich dabei um eine Anthologie, die von der Autorin Hilal Sezgin in Zusammenarbeit mit dem Blumenbar Verlag konzipiert wurde. Das Buch verbindet essayistische und literarische Arbeiten mit Statements von Schauspieler/innen und Vertreter/innen der Zivilgesellschaft. Ausgangspunkt war die aufgeheizte Stimmung, zu der es letztes Jahr im Zuge des Hypes um einen populitischen Bundesbank Vorsitzenden gekommen war.

Ich habe einige meiner Minimals beigetragen. Darunter: Sieben Sekunden und Spandau 2048.

„Spandau 2048“ ist eine dystopische Berlinzeichnung 100 Jahre nach dem Orwell sein „1984“ (1948) verfasst hat. Für das Manifest habe ich skizzenhaft zwei Figuren aus dem Umfeld des Erzählers entworfen: Einen Soziologieprofessor, der die Entwicklungen, die zu Spandau 2048 führen, mitverfolgt, aber ohnmächtig bleibt und einen Kollegen von ihm, der in einem Literaturhaus ausgebuht wird, weil er Kritik an diesen Entwicklungen üben möchte (letzteres beruht auf einer wahren Begebenheit).

Das Line-up der Buchpremiere ist vielversprechend, weil es verspricht soviel Unterschiedliches zusammenzubringen: Literaten, Kolumnisten, Wissenschaftler, Schauspieler und Hardcore-HipHop, außerdem wird danach gefeiert:

Für mich ist das Ganze zusätzlich noch aus ganz anderen Gründen eine Premiere: Seit einiger Zeit – nebenbei und im Schneckentempo – arbeite ich mit dem Istanbuler Elektro-Duo MONDUAL und der Berliner Musikerin KATJA KETTLER daran Sprache und Sound – meine Minimals und Monduals Electro Avantgarde  – zu verbinden. Für Donnerstag gibt es jetzt einen aller ersten Roughmix von Sieben Sekunden.

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Am 12.02.2011 wird mein Stück Tod eines Superhelden im Ballhaus Naunynstrasse uraufgeführt. Ich habe es gemeinsam mit Marianna Salzmann für die „Akademie der Autodidakten“ geschrieben – ein Projekt des Ballhauses. Jugendliche aus Neukölln und Kreuzberg, die schauspielen möchten, bringen mithilfe eines professionellen Teams ein Stück auf die Bühne.

 

Howard der Boss: Die Superhelden sind eine käufliche Sache. So wie alles. Man mache sich nichts vor. Dieses Potential wurde bei ihnen noch nicht erkannt. Man beobachtet ihre absonderlichen Gewohnheiten und nimmt sie hin. Doch die Marktwirtschaft integriert alle. Alles wirft einen Nutzen ab, keiner ist ausgeschlossen. Eine wirklich freie Welt ist die Welt der Käuflichkeit. Denn Geld kennt keine Absonderlichkeiten. Und jeder und alles ist von Nutzen. Wenn diejenigen, die an Superhelden glauben, Angst vor ihnen bekommen, kommt jemand wie ich.

(Auszug aus dem Stück)

Meine beiden Gedichte, „im mai“ und „gewundet“, die ich während meines Aufenthalts in den schwarzen Wäldern verfasste, wurden in der Literaturzeitschrift Allmende erstveröffentlicht und können ab sofort bestellt werden. Diese und weitere Gedichte werde ich am 19. Januar 2011, 20 Uhr,  in der Werkstatt der Kulturen in Berlin, begleitet von den Violinenklängen Emrah Gökmens, vortragen.

 

.                                                  im mai

 

.                                                  ich kam im mai sagte ich

.                                                  ich geh im mai sagte er

.                                                  es wurde mai

 

.                                                  er

 

.                                                 maivater

.                                                 maikind

 

Der Lyriker José F. A. Oliver hielt die Laudatio

Der Lyriker José F. A. Oliver hielt die Laudatio

Mit dem Ulrich-Beer-Förderpreis möchte die Eisenbacher Autorenstiftung Künstler und Künstlerinnen in ihrer Arbeit würdigen und unterstützen.
Der Ulrich-Beer-Förderpreis wird alle fünf Jahre vergeben und geht erstmals im Jahr 2010 an Deniz Utlu: „Es wird damit ein junger Autor gewürdigt, der über hohe literarische Fähigkeiten verfügt, die zu den schönsten Hoffnungen berechtigen.“, begründet der Stifter Ulrich Beer die Entscheidung. Als freier Autor kennt Ulrich Beer die Ungewissheiten einer freiberuflichen Tätigkeit; eine Förderung ist ihm auch aus diesem Grund wichtig.

Der Vorstand der Eisenbacher Autorenstiftung entschied sich einmütig für Deniz Utlu als diesjährigen Preisträger und gibt zur Preisvergabe an Deniz Utlu folgende Begründung:
Der Ulrich-Beer-Förderpreis geht an den jungen Schriftsteller Deniz Utlu. Gewürdigt wird seine sorgfältige und scharfe Beobachtungsgabe, seine Sprache und sein Mut, bei sehr alltäglichen Szenen zu verweilen, Szenen, langsam und genau zu erzählen.
Sein mikroskopischer Blick entdeckt neben den Schwierigkeiten des Alltags die kleinen Gesten, tröstliche mitmenschliche Zeichen: ein Lächeln, ein Unterhaken, ein Wort, eine Frage – ein zarter Zauber für den, der sich die Zeit nimmt, achtsam mit Deniz Utlus Texten zu sein.
Seine Prosa zeichnet sich durch dicht komponierte Szenen aus, in denen er scheinbar kühl taxierend, aber mit unfehlbarem Gespür für Stimmungen seine Figuren inszeniert. Er zeigt, dass entgegen einer Atemlosigkeit des Schreibens, im Gegensatz zum Stil der Zeit, ein empfindsames Schreiben noch immer möglich ist.

Die Reden von Roswitha Stemmer-Beer, Bürgermeister Kuckes, Dr. Jürgen Holtz, José F. A. Oliver und mir werden in absehbarer Zeit beim Centaurus Verlag erscheinen und können hier heruntergeladen werden. Das Foto ist von Michael Klesse. Der obige Text ist der Homepage der Autorenstiftung entnommen.  Dieser gilt mein aufrichtiger Dank.

 

Modernity von Remedios Varo – Museum Nacional Centro de Arte Reina Sofia

(Die Brücken lösen sich auf. Die Züge, unaufhaltbar)

Das erste Mal in eine Stadt zu reisen, das erste Mal eine Stadt zu verlassen:
Das erste Mal aus einer Metro Station in die Stadt steigen, das erste Haus, das man sieht, die ersten Menschen. In einer Bar ein Bier bestellen, mit den Nachtschwärmen durch die Gassen schwimmen. Treiben lassen. Später in einer dunklen Straße, in einem alten Gebäude, in einem Hotelzimmer verschwinden.

Der Sound.
Der Geruch.
In jeder Stadt stinkt der Müll anders.

Abreise (im Auto z. B.), eine Hand auf dem Knauf der Kupplung, die andere auf dem Lenkrad oder als Mitfahrer auf der Rückbank, Stirn am Fenster – die Bewohner stehen vor ihren Läden, warten an den Ampeln, spazieren auf den Bürgersteigen. Oder mit Zügen – Abschiede Unbekannter auf Bahnsteigen, letzte Kaffees an Stehtischen. Oder mit der U-Bahn – Menschen steigen aus, steigen ein, je näher man dem Flughafen kommt, desto mehr Koffer im Wagon.

Das erste mal in eine Stadt zu reisen, das erste Mal eine Stadt zu verlassen, ist wie vor einem Aquarium zu sitzen und sich zu fragen, ob die Fische mit anderen Fischen in anderen Aquarien kommunizieren können. Das erste mal in eine Stadt zu reisen, das erste Mal eine Stadt zu verlassen, ist wie Landheimfahrt nur ohne Schule – oder mit Schule aber zum tausendsten Mal. Das erste Mal in eine Stadt zu reisen, heißt das Nie-dort-gewesen-sein hineintragen. Aber auch die Welt einwenig gemütlicher einrichten: wie das Erkunden von noch unbewohnten Zimmern in einem neuen Haus.

Und wenn beim Verlassen der Stadt, auf dem Weg zum Bahnhof oder Flughafen (auch diesmal um das Verschwinden zu kultivieren) Musiker Melodien durch U-Bahnschächte hallen lassen (insbesondere, wenn sie Nothing Else Matters spielen als wäre es ein Lied von Neil Young), dann ist das der Soundtrack meines Abschieds.
Meiner Ankunft.

(01.11.10/ 02.11.20 Madrid/Berlin. Danke an die Musiker der Station Cuatro Caminos)

(jetzt bestellen)

In diese Welt geworfen, versuchte ich, sie mir häuslich einzurichten, sie bewohnbar zu machen. Ich wohnte in Städten und auf dem Land, schlief auf Rückbänken von Autos und auf Wartesitzen – aus Metall oder Plastik – in Bahnhöfen und Flughäfen. Was ich, rastlos, nicht fand, versuchte ich in Worten zu finden. Ich dichtete das verheißene Land. Ich bin noch nicht fertig.
Als ich erschöpft war von Stadt und Dorf, von Zugfahrt und Flugzeug, verfolgt von Blicken und Gerede, zog ich ins Internet, verbrachte viel Zeit in Foren, nannte flüchtige Bekannte »siblings« und »friends«, trat Gruppen bei, gründete Netzwerke. Das machte es etwas leichter. Und doch ist das Bewohnbar-machen der Welt eng verknüpft mit Heimisch-machen. Heimisch auf der einen Seite zeugt auch von der anderen, fremden Seite. Notwendigerweise?

Wir zweifeln und andere mit uns, dass diese Welt notwendig in heimisch/fremd aufgeteilt sein muss. Was uns als fremd gilt, sind oft Nachbarn und Nachbarn doch auch oft fremd. Woran messen wir, was uns verbindet oder trennt?

Wir hauen ab vor Realitäten, wir hauen ab vor etwas, das es nicht gibt.
Konstruktionen en masse, wir können alles selber machen, keine Opfer der Globalisierung, Entfremdung der Natur und Politik, bestimmen wir selber, was bewohnbar ist und was nicht. Die einzigen Nichtorte sind wir selbst.
Aus diesem Nichtort höre ich die Bewohnerinnen schreien: dies ist unser Ort! Wir beanspruchen diesen Ort! Wir sind die Bewohnerinnen. Wenn ihr uns verdrängen wollt, werden wir ihn nicht kampflos übergeben! Inmitten des Geschreis finde ich mich selbst, finde Ruhe, finde Worte, die die Ent-fremd-ung wieder zur Menschlichkeit führen.

(Und wer furzet ist nicht leer, / dru m furzt man gerne sehr.)

Die Redaktion (freitext)

 

Die Autor/innen Marianna Salzmann, Daniela Janjic, Olga Grjasnowa, Georgia Doll, Mutlu Ergün und Deniz Utlu stellten ihre Gagen für die tausend worte tief- Lesung zur Launch der letzten freitext Ausgabe »Bis hierher lief’s noch ganz gut« in der Werkstatt der Kulturen in Berlin am 14. April 2010 dem Druck der aktuellen Ausgabe zur Verfügung. Herzlichen Dank hierfür.

Foto: ich

Vor einem Vierteljahr (um genau zu sein am 06.08.10, wie ich meinem eigenen eDiary zu entnehmen hatte) verließ ich die schwarzen Wälder und brach gen Norden auf. Jetzt sitze ich hier wieder auf dem oberen Herrenberg. Nach sternreicher Nacht, wie man sie in Berlin oder Hannover nicht kennt, bricht ein neuer Tag an in Eisenbach. In der Lichtenbergschule hat es schon zur ersten Stunde geläutet.

Als ich vorgestern Abend in Neustadt dem Zug entstieg und die Luft der neuen Umgebung einatmete, fiel mir etwas auf. In den Monaten, in denen ich hier lebte, hatte sich der Waldduft, den ich mit dem ersten Atemzug nach Ankunft einsog, befremdend angefühlt. Diesmal war das ein altbekannter Duft. Ein Teil meiner Geschichte hatte sich ihm eingeschrieben: Ich hatte den Wald gezähmt (oder er mich, das macht keinen großen Unterschied.)

Vielen Dank an all die Menschen, die gestern in der Heimatstube, umgeben von Kuckucksuhren und Mineralien (darunter auch radioaktive, so wie auch der Herrenberg radioaktiv ist) unseren Worten so aufmerksam gelauscht haben und vor allem für all die warmen Rückmeldungen nach der Veranstaltung.

Vorgetragen haben Roswitha Stemmer-Beer (Moderation, Organisation und soviel mehr), der Bürgermeister Kuckes, José F. A. Oliver (Laudatio), Jürgen Holtz (Autorenstiftung) und ich, der unter Kuckucksuhren über den Kuckuck aus dem Uhrwerk sprach, weil der Kuckuck im Uhrwerk ein Zeichen dafür ist, dass Romantik und Aufklärung sich nicht gegenseitig auslöschen müssen. Mir wurde in einer herzlichen Veranstaltung der Ulrich-Beer-Förderpreis 2010 verliehen. Dazu bald mehr.

veröffentlicht auf der Hompage des Kreativen Eisenbach e. V.

(Foto: ich)

… die Kränze stilleuchtender Funken / Die Nacht um die schattige Stirne flicht (Brentano)

Die Idyllenmär und die Schwarzwälderkirschlüge hatten mich nie beeindruckt. So war ich nicht enttäuscht, sondern atmete auf, als man mir erzählte, dass die Schwarzwälder Kirschtorte die Erfindung eines „pfiffigen“ Gastronomen gewesen sei und mit lokaler Tradition wenig zu tun habe. Auch, dass die Idylle, wenn überhaupt nur inszeniert existierte, gefiel mir: z.B. am Titisee.

In Eisenbach wurde gearbeitet: In großen Fabrikhallen multinationaler eisenbacher Unternehmen laufen die Maschinen vierundzwanzig Stunden am Tag. Und das nicht, um Harmonie zu produzieren, sondern um Zahnräder. Wie überall sonst,  muss auch hier das Täglichbrot erwirtschaftet werden. Wie überall gibt es auch hier Konflikte. Und vielleicht haben die Schwarzwälder deshalb seiner Zeit Kuckuksuhren mit schweren Pendeln gebaut, damit die Welt zu hören bekommt, dass kein Wald dicht genug ist, um den Klang des Stundenschlags zu dämpfen und dass der Stundenschlag in den schwarzen Wäldern auf dem höchsten Hügel und im tiefsten Tal genauso schön, genauso bitter, genauso ehrlich von der Unwiderrufbarkeit jedes erlebten Augenblicks kündet wie überall anders auch. Man kann nur im Gegensatz seiner Zeit stehen, nicht außerhalb.

Dass des Nachts alle Geräusche verstummen – allein der Wind saust noch – und der Himmel sich Stern für Stern zusammensetzt, ist nicht idyllisch, sondern schön.

An einem Sonntag im April (2010) wurde ich in der so genannten Wolfwinkelhalle in Eisenbach begrüßt. Vor zahlreichen Gästen las ich die Kurzgeschichte „Du Hund“ und den Essay „Ins Herz“ (siehe unter http://www.freitext.com/index.php?heft=15&text=es1) vor. Als es beim Publikumsgespräch ums Hochdeutsch und die Mundarten ging, fragte man mich, ob ich besorgt sei, den Dialekt vor Ort vielleicht nicht zu verstehen, da rief ein älterer Herr dazwischen: „Wer sagt denn, dass wir hier Dialekt sprechen und die Hochdeutsch? Es ist umgekehrt: Wir sprechen Hochdeutsch, alle anderen Dialekt.“

Auf den folgenden Lesungen in Eisenbach oder in Neustadt schaffte es das Publikum immer wieder, mich mit solchen Wortbeiträgen zu überraschen. Auch meine Überraschungsversuche blieben, so glaube ich,  nicht ganz erfolglos. Beispielsweise als bei der Lesung in der Buchhandlung im Roten Haus in Neustadt ein junger Mann im Publikum scheinbar unerwartet anfing zu beatboxen: Ein ganzes Orchester spielte aus seinem Mund.

Ich lernte Menschen kennen, die mir Einblick in ihren Alltag gewährten und viele, die Einblick in meine Lebens- und Arbeitsweise wünschten. Einige Gesichter sah ich bei jeder Lesung wieder, sodass bald ein familiäres Gefühl aufkam.

Eine Erfahrung besonderer Herzlichkeit ergab sich aus der Begegnung mit Jugendlichen in der Lichtenbergschule in Eisenbach und im Jugendbüro in Neustadt.

An der Lichtenbergschule habe ich mit Texten aus dem Kultur- und Gesellschaftsmagazin freitext, das ich herausgebe, eine Unterrichtseinheit gestaltet – die Texte der Schüler werden im Oktober in freitext, Heft 16, veröffentlicht. Die Jugendlichen – mit ihrer Offenheit und Hingabe – machten mir, der ich gekommen war, sie zu ermutigen, Mut.

An einem heißen Tag in Neustadt haben wir versucht uns Augusto Boals Konzept des Theaters der Unterdrückten spielerisch zu nähern. Boal war ein brasilianischer Regisseur, der Theater als eine Methode sah, angelernte, internalisierte Unterdrückungen abzubauen. Am Ende waren wir alle – die Jugendlichen und auch ich – gleichermaßen erschöpft. Doch in der Müdigkeit noch machte sich ein Gefühl von Freiheit breit – Boal hatte nicht zuviel versprochen.

Diese Stimmungen bei Veranstaltungen und in Begegnungen nehme ich mit. Und auch die Stille des Waldes (wie ich erst lernte sie zu ertragen und dann sie zu genießen) nehme ich mit. Zurück in die Städte.

Es ist vier in der Nacht, Ende September, Berlin ist kalt, aber ich mag’s. Den ganzen Abend über:  Musik in der Oranienstraße…

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